Der alte Mann und das Pferd

Der alte Mann und das Pferd

Glück? Unglück? Wer weiss das schon?

Die Geschichte lehrt uns, dass wir oft nur einen winzigen Ausschnitt der Realität sehen.

Es war einmal ein alter Bauer, der in einem kleinen Dorf lebte. Er war arm, aber er besass ein wunderschönes weisses Pferd, um das ihn sogar der König beneidete. Die Leute im Dorf sagten oft zu ihm: „Was für ein Glück du hast, so ein prächtiges Tier zu besitzen!“ Der Alte lächelte nur und antwortete: „Glück? Unglück? Wer weiss das schon?“

Eines Morgens war der Stall leer. Das Pferd war weggelaufen. Die Dorfbewohner versammelten sich und riefen: „Was für ein schreckliches Unglück! Jetzt bist du ruiniert.“ Der Alte blieb ruhig und sagte: „Sagt einfach nur, dass das Pferd nicht mehr im Stall ist. Ob es ein Unglück ist oder nicht, wer weiss das schon?“

Nach einer Woche kehrte das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht allein; es brachte eine ganze Herde herrlicher Wildpferde mit sich. Die Leute eilten herbei und riefen: „Du hattest recht! Es war kein Unglück, es war ein riesiges Glück! Jetzt bist du ein reicher Mann.“ Der Alte erwiderte wieder nur: „Glück? Unglück? Wer weiss das schon?“

Der einzige Sohn des alten Mannes begann damit, die Wildpferde zu zähmen. Dabei stürzte er so unglücklich, dass er sich beide Beine brach. „Oh, was für ein Jammer“, klagten die Nachbarn. „Dein einziger Sohn ist nun ein Krüppel. Wer soll dir jetzt bei der Arbeit helfen? Das ist wahrlich ein grosses Unglück.“ Doch der Alte sagte ruhig: „Sagt nur, dass er sich die Beine gebrochen hat. Ob es ein Unglück ist, wer weiss das schon?“

Kurz darauf brach ein Krieg im Land aus. Alle gesunden jungen Männer des Dorfes wurden zwangsweise eingezogen und an die Front geschickt, wo die meisten von ihnen fielen. Der Sohn des alten Mannes durfte wegen seiner gebrochenen Beine zu Hause bleiben. Wieder kamen die Leute zum Alten und sagten: „Wie recht du hattest! Dein Sohn ist zwar verletzt, aber er ist am Leben. Was für ein Glück!“

Und der Alte antwortete abermals: „Glück? Unglück? Wer weiss das schon?“

Fakten

Der Bauer sagt: „Sagt nur, dass das Pferd weg ist.“ Er bleibt bei den harten Fakten.

Aktueller Bezug: In politischen Debatten vermischen wir Fakten oft sofort mit apokalyptischen Prognosen oder utopischen Hoffnungen. Der radikale Realist würde versuchen, erst einmal die nackte Realität zu analysieren, bevor er in die Bewertung geht.

Schritt für Schritt

Hindernisse auf dem Weg zum Ziel

Wahre Gelassenheit entsteht, wenn wir aufhören, jedes Ereignis sofort als „Glück“ oder „Unglück“ zu bewerten, da wir das grosse Ganze nie überblicken. Statt in Schockstarre vor den riesigen Problemen der Welt zu verharren, liegt die Lösung im nächsten, machbaren Schritt. Wenn der Weg das Ziel ist, verliert das ferne Endergebnis seinen Schrecken: Wir verbessern das Kleine, das vor uns liegt, mit Anstand und Vernunft – denn die Summe dieser richtigen Schritte ist das Einzige, was wir im Hier und Jetzt wirklich gestalten können.

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